Alexander Dederer
Vorsitzender der Assoziation der Deutschen in der Republik Kasachstan

Referat zur Konferenz anlässlich der 70. Jahrestages der Deportation
und Repressalien der Russlanddeutschen

(Den 30. August 2011, Berlin)


Gestatten Sie mir vor allem, den Organisatoren dieser Konferenz herzlich zu danken. Diese Konferenz ist berufen, auf die immer noch nicht überwundenen Folgen der Deportation und Repressalien der Russlanddeutschen aufmerksam zu machen, und wurde zum historischen Ereignis im Leben der Russlanddeutschen.

1. Einige historische Aspekte

Kasachstan war in der ehemaligen Sowjetunion eine Republik, in die die sogenannten „politisch unzuverlässigen Elemente“ sowie ganze Völker verbannt wurden, mit dem Hintergedanken, dass das raue Klima, die unbewohnten grenzenlosen Steppen und die harte Zwangsarbeit letztendlich sie ausrotten. Die brutalen Verhältnisse und die Vorausbestimmung der Zukunft durch jene, die die Macht zur Strafe auswählte, haben in der ganzen Sowjetgesellschaft eine Atmosphäre der Angst verursacht und den Menschen eine Sklavenpsychologie anerzogen. Die Seele und das Herz erstarrende Angst hat sich in jedem sowjetischen Mensch für immer angesiedelt.
Die Repressalien der Deutschstämmigen endeten nicht mit ihrer Deportation und Verbannung der Arbeitsfähigen in die Arbeitsarmee (Arbeitslager), sondern letztendlich mit dem Tod von etwa 40% von ihnen.
Für sie galten öffentliche und geheime Verbote auf Versammlungen, Ausbildung, Muttersprache, Wohnsitz, Beruf, Arbeit und Auslandsreisen. Die Angehörigen der deutschen ethnischen Gruppe erwiesen sich als eine am schlechtesten ausgebildete Völkerschaft in der Sowjetunion. Sie waren Ausgestoßene aus der Gesellschaft
Nach Kasachstan wurden in unterschiedlichen Jahren 1.300.000 Menschen deportiert: Koreaner, Tschetschenen, Balkaren, Kurden, Polen, Litauer u.a. Doch am zahlreichsten waren es Deutschstämmige. Erstaunenswert erwies sich das Verhältnis der einheimischen Bevölkerung, der Kasachen, hinsichtlich der Umsiedler. Sie haben die Deutschstämmigen ohne Feindschaft empfangen, ungeachtet der geschickten Propaganda eines Hasses gegenüber den Deutschen als Volk.
Doch die Kasachen erlebten selbst Repressalien. Der gut ausgebildete, denkende Bevölkerungsteil wurde ausgerottet. Die Menschen starben vor durch die Mächte organisierten Hunger. Infolge ihrer Mentalität und der gleichen Situation eines repressierten Volkes teilten die Kasachen mit den Deutschstämmigen die Schwierigkeiten des gemeinsamen Überlebens. Die Bevölkerung, die traditionell sehr gastfreundlich ist, zeigte Mitgefühl gegenüber den verschleppten Völkern.
Im Jahre 1989 zählte im Lande etwa eine Million ethnischer Deutschen, die zahlreichen religiösen Gemeinden angehörten, und denen starke Proteststimmungen eigen waren. Die Proteststimmungen der Deutschstämmigen äußerten sich hauptsächlich in folgenden Bestrebungen: sich von den eisernen Armen frei zu machen und in die Bundesrepublik Deutschland auszuwandern.

2. Der Werdegang der Gemeinde

Mit der Erhaltung der Souveränität suchte man im Lande nach Bedingungen für das Nebeneinanderleben in der multinationalen Gesellschaft. Die kasachische Regierung hat ihre Innenpolitik auf Propaganda des interethnischen Dialogs, Friedens und Eintracht aufgebaut. Die interethnische Toleranz hat sich im Bewusstsein der Gesellschaft eingeprägt. Im Lande wurden überall Denkmäler und Mahnmale errichtet, die dem Andenken an die Opfer des Totalitarismus und der politischen Repressalien gewidmet sind. Laut Regierungsbeschluss ist jetzt der 31. Mai Tag des Andenkens an die Opfer der politischen Repressalien. Das gemeinsame historische Schicksal der repressierten Völker wurde zu einer vereinigenden Grundlage für die gesamte Gesellschaft Kasachstans.
Zum Zeitpunkt der Bildung der kasachstanischen Staatlichkeit wurde die Auswanderung der Deutschstämmigen massenhaft, und erreichte zu den Jahren 1996-97 ihren Höhepunkt – cirka 130.000 Menschen im Jahr.
Die gesellschaftlichen Organisationen der ethnischen Deutschen erlebten eine dramatische Phase.
In diesem Wendepunkt war von großer Bedeutung die Unterstützung der Bundesrepublik, die auf die Pflege der Kultur und Sprache der ethnischen Deutschen in Kasachstan gerichtet war. Diese Unterstützung stabilisierte die gesellschaftlichen Strukturen und bildete Bedingungen für die Aktivitäten unter der Bevölkerung für das Erlernen der Sprache, Erziehung der Kinder und Jugendlichen sowie für die Sozialunterstützung der Bedürftigen. Doch als bedeutendste Bedingung blieb für die ethnischen Deutschen der Aufbau einer einheitlichen eingespielten gesellschaftlichen Repräsentanzorganisation, die die Belange der Deutschstämmigen sowohl auf Staatsebene als auch in der bürgerlichen Gesellschaft vertreten kann. Ohne diese institutionell eingerichtete Struktur der Selbstorganisation hätte diese Unterstützung keinen Sinn.

3. Perspektiven

In Kasachstan unterstützt die Regierung aktiv die Assoziation der Deutschen als die Struktur der Selbstorganisation, die auf republikanischer Ebene als erste ethnische Organisation im Lande entstand. Ungeachtet des Fehlens eines Gesetzes über die Repräsentanz von Zuständigkeiten der Organisationen der Volksgruppen, akzeptiert die Regierung völlig de facto den Zuständigkeitsstatus der gesellschaftlichen Vereine der Volksgruppen. Eigentlich wird der europäische Bestandteil der Verteidigung der Rechte der ethischen Minderheiten anerkannt.
Zwischen Deutschland und Kasachstan wurde eine strategische Partnerschaft hergestellt, im deren Mittelpunkt die in Kasachstan lebenden Deutschen stehen. Am 25. August 1994 hat die Bundesregierung mit Unterstützung der kasachischen Regierung in der damaligen Hauptstadt Almaty das Deutsche Haus feierlich eröffnet, das zum Sinnbild der Zusammenarbeit und Zentrum der gesellschaftlichen Selbstorganisation der ethnischen Deutschen in Kasachstan wurde. Im Jahre 1995 besuchte das Deutsche Haus der Präsident der Republik Kasachstan Nursultan Nasarbajew, womit er die Staatspolitik zugunsten der Wiederbelebung der ethnischen Gruppen und ihrer Kulturen betont hatte. Einen Monat später besuchte der Bundespräsident Roman Herzog das Deutsche Haus. Der Bundespräsident macht darauf aufmerksam, dass die strategische deutsch-kasachische Partnerschaft über die ethnischen Deutschen gewährleistet wird.
In den letzten 20 Jahren hat sich vieles geändert. Das Land, in dem wir leben, hat sich kardinal geändert, die Gesellschaft und letztendlich wir. Heutzutage gelingt es uns reell, die kasachische bürgerliche Gesellschaft zu beeinflussen. Die Projektarbeit, die mit der Unterstützung des BMI erfolgt, fordert eine Modernisierung. Dieser Modernisierung müssen viele Grundsätze der Partnerschaft zugrunde liegen: Änderungen in den Prinzipien der Partnerschaft mit der deutschen Mittlerorganisation, Verstärkung der Aktivitäten für die Kinder und Jugendliche, Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit der Organisation im Wettkampf für den staatlichen Sozialauftrag und Beistand der Kooperation der deutschen Organisationen in den Grenzgebieten.
Das von der Assoziation der Deutschen gewonnene Ansehen und der Status einer Repräsentanz Organisation ließen sie im Lande am Konkurrenzkampf um den staatlichen Sozialauftrag aktiv teilnehmen. Die Assoziation nimmt an mehreren Staatsprogrammen teil: Weg nach Europa, Beschleunigte sozial-wirtschaftliche Entwicklung, Kulturerbe, Forcierte industriell-innovative Entwicklung u.a. Für die Assoziation ist es von größter Bedeutung, eine führende Stellung unter den Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft einzunehmen. Die Tätigkeit der Assoziation entspricht völlig dem Geist und Buchstaben des Koalitionsabkommens, das durch die heute führende Bundespartei unterzeichnet wurde.
Die führende Stellung unserer Organisation hat einen wichtigen Sinn und ist kein Selbstziel. Weil ohne starke Repräsentanz Organisation eine Volksgruppe keine Aussichten hat.
Wird diese Aufgabe erreicht, so löst sich damit auch eine weitere Aufgabe – die Brückenfunktion zwischen unseren zwei Ländern. Diese Aufgabe wird dadurch einfacher, dass die eine Million der nach Deutschland ausgewanderten Landsleute unsere Völker verwandt haben. Deshalb wurde im vorigen Jahr über die Verwirklichung des staatlichen Sozialauftrags ein großes Projekt durchgeführt – Dialog der europäischen und kasachstanischen Gesellschaften. Im Rahmen dieses Dialogs wurde ein Memorandum über Zusammenarbeit zwischen der Vollversammlung des Volks der Republik Kasachstan und der Föderalistischen Union der Europäischen Volksgruppen unterzeichnet.
Der Assoziation ist es gelungen zu beweisen, dass über die ethnischen Deutschen der Integration Kasachstans in die Europäische Gemeinschaft beigetragen werden kann.
Die Assoziation vertritt heutzutage die Belange der 220.000 ethnischen Deutschen. Insbesondere wichtig ist für die Gemeinde, möglichst mehr ihrer Angehörigen für die gesellschaftliche Arbeit zu gewinnen. Die Entwicklung der Selbstorganisation, Selbstinitiative und Selbständigkeit, Kampf gegen Bürokratie, Ausarbeitung eines Vertrauensratings zu den Strukturen, Sozialisierung der Bevölkerung, rationelle Nutzung der Mittel, Änderung der Partnerschaftsgrundsätze mit der Mittlerorganisation und Teilnahme am staatlichen Sozialauftrag wurden zum Gegenstand einer scharfen Diskussion, die sich unter den Vertretern der gesamten gesellschaftlichen Organisationen der Deutschstämmigen im Lande (auch Kirgisiens) am 12.-13. Mai dieses Jahres in Form eines Brainstormings der Probleme entfaltete. Dank der kollektiven Vernunft wurde ein Handlungsprogramm für die nächste Zukunft angenommen.
Die Sozialarbeit ist eine Visitenkarte der Assoziation. Die Assoziation ist dabei, dass sie gemeinsam mit dem deutschen Partner ESO die Pläne zur Bildung eines Sozialbildungsnetzes entwickelt.
Beabsichtigt wird, gemeinsam mit deutschen Lehranstalten ein europäisches Netz für Distanzausbildung zu gründen (Projekt „Pelikan“).
Über die ethnischen Deutschen zur europäischen Ausbildung der Sozialarbeiter im ganzen Land und zur Entwicklung der Distanzausbildung.
Ein solches Bildungsnetz möchten wir in den Grenzländern Kirgisien, Usbekistan und anliegenden Territorien Russlands – in der Altairegion, Gebiet Omsk und Nowosibirsk aufbauen. Die wirkenden Deutschen Sozialfonds müssen sich nach territorialem Merkmal kooperieren. Die Assoziation schlägt Initiativen über die Grenzintegration der gesellschaftlichen Organisationen der Russlanddeutschen vor. Und das nicht nur im Sozialbereich, sondern auch für die Tätigkeit des BIZ. Es sind neue Standpunkte aller Teilnehmer der Unterstützungsprogramme nötig.
Eine besondere Bedeutung haben die Bemühungen zur Erhaltung und Pflege der deutschen Sprache. Dieses Problem ist in der gesamten zentralasiatischen Region sehr aktuell. Die Assoziation der Deutschen übernimmt die Initiative zur Erhaltung und Pflege der deutschen Sprache in Kasachstan. Dieses Ziel hat für uns die Priorität und entspricht der Aufgabe, unter den Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft die führende Stellung zu erhalten. Das entwickelte Konzept für die Erhaltung und Pflege der deutschen Sprache ist in der Regierung vertreten und beginnt sich allmählich zu verwirklichen. Zu diesem Zweck wird auch eine Allianz mit dem Goethe-Institut entwickelt. Als die ersten Erfolge einer solchen Partnerschaft kann man die Erweiterung der Teilnehmerzahl der allgemeinbildenden Schulen im Projekt „Schulen – Partner der Zukunft“ (PASH) bezeichnen. Darüber hinaus hat die kasachische Regierung mit der Entwicklung von Maßnahmen zur Popularisierung der deutschen Sprache unter der Bevölkerung begonnen. Unterstützung der deutschen Sprache in der Region über die ethnischen Deutschen
Eine ganze Reihe von Integrationsinitiativen beinhaltet der durch die Assoziation entwickelte Entwurf des Abkommens neuer Art „Über die humanitäre Zusammenarbeit“, das für die Bedienung der Interessen der verwandten Völker bestimmt ist. Der Entwurf wurde der kasachischen Regierung vorgeschlagen. Jetzt hat die deutsche Seite eine Entscheidung zu treffen.
Die Welt ändert sich immer schneller. Und die deutsche Minderheit muss den gegenwärtigen Herausforderungen der Zeit entsprechen.